Vor einem Jahrzehnt drückten sich am Wycombe Airpark noch British Airways-Piloten die Klinke in die Hand. Heute ist der Flugplatz ein beliebtes Ausflugsziel für Sportpiloten und Segelflieger. Ich habe mir die Umsetzung von Booker Airfield (EGTB) angesehen und mich gefragt: Konnte PilotPlus den Charme des Flugfelds erfolgreich in den Flight Simulator übertragen?

Endanflug auf Piste 35 - die lokale Fußballverein bekommt das mit.

„Handgemalte Umgebung“; „handgefärbtes Luftbild“; „schmeichelnde Landschaft“ – es ist bester Marketingsprech, den ORBX auf ihrer Website zur Bewerbung vom Wycombe Airpark derzeit benutzt. Seit kurzem ist das Szenerie-Addon aus der Feder von PilotPlus auch für den Microsoft Flight Simulator verfügbar und kann über OrbxDirect eingekauft werden – vorausgesetzt man ist bereit, circa 12 Euro nach Australien zu transferieren. Nach einer unkomplizierten Installation über OrbxDirect wandern dann mehr als ein Gigabyte Daten in die Orbx-Wunsch-Library.

Im Sim ist der Flugplatz den Daten entsprechend unter dem ICAO-Code EGTB oder als Wycombe Air Park zu finden. Am Stammtisch spricht man aber eher von Booker Airfield, benannt nach dem kleinen Weiler, der jenseits der Geländebegrenzungen zu finden ist. Und daher überrascht es auch nicht, dass Booker Airfield vor allem viel Fauna für das virtuelle Pilotenauge übrighat. Eine große Grasfläche dominiert das Flugfeld und nur am nördlichen Teil der Wiese ist die West-Ost-Bahn in feinstem General-Aviation-Asphalt zu finden. Begrenzungslichter entlang der Bahn machen es einfach, den Platz auch aus der Distanz zu finden.

Die Landschaftsdarstellung des Microsoft Flight Simulators macht es endlich besser möglich, nach Sicht zu navigieren. Örtchen, Flüsse, Straßen – wenn man ortskundig ist oder Karten lesen kann, weiß man immer, wo man ist. Daher können die Anflüge auf Booker Airfield im Simulator gut der Realität nachempfunden werden: Im Norden gibt es so zum Beispiel den Meldepunkt „Golden Ball“, benannt nach einer Turmverzierung am Lord Dashwood’s Estate. Da der Standard-Sim solche Details natürlich von Haus aus nicht mitbringt, hat Pilot Plus dieses Landmark selbst eingebaut – neben anderen Hinguckern wie dem lokalen Stadion oder dem Stokenchurch Sendemast.

Meldepunkt "Golden Ball" - Pilot Plus hat ihn eingebaut.

Im Endanflug zeigen VASI-Lights den Weg auf den Asphaltstreifen, der auch gut von einer King Air oder TBM angepeilt werden kann. Pilot Plus hat hier der Realität entsprechend Hand angelegt. Die Asphalt-Texturen stimmen und das Gras wächst und wiegt sich im Wind – was angesichts der neuen Standardfeatures des MSFS natürlich keine Weltneuheit ist. Doch hier fällt ein erster Kritikpunkt auf. Beim kleinen Taxiway, der parallel zur Asphaltpiste verläuft und in der Realität brav mit einer gelben Linien markiert ist, wurde in der FS-Version das Rasenmähen vergessen. Diverse Grashalme machen es daher schwierig zu erahnen, wo man das Bugrad der virtuellen Cessna hintreten soll.

Doch egal – das Flair stimmt, die Warm-Up-Area ist vorhanden und kann gut fürs Magnete-Checken benutzt werden, vorausgesetzt man wird nicht vom amerikanischen Airport-Pickup-Truck überfahren. Dieses Standard-Asset des Flight Simulators zieht auch auf Booker Airfield seine Kreise und pendelt zwischen Vorfeld und den verranzten Hallen am nord-westlichen Teil des Felds hin und her.

Der Tarmac entspricht den Karten. Die Kreise mit den Parknummern stimmen, statische Flieger kommen aus dem Sim und sogar in den großen Hangar kann man reinrollen. Und dank FS-Glitch regnet es dort rein. Je weiter man sich doch zwischen den Gebäuden vorarbeitet, desto mehr Fragen hat man. Woher kommen die schwebenden Lichter über dem Parkplatz in einer sonst liebevoll gestalteten Nachbeleuchtung? Warum wurden die Angebotsschilder der Helicopter Services doppelt angebracht? Und warum sieht das Training Centre von Booker Aviation wie ein langweiliger Betonklotz aus? Naja – hier scheinen sich Flusipilotinnen und -piloten sich ja auch eher weniger aufzuhalten.

Schwebende Standardlichter über dem Parkplatz.
Das hässlichste Objekt der Szenerie: Das Booker Air Centre.
Eine Textur, zwei Schilder.
In mehreren Ecken gibt es Details zu entdecken.

Vor dem Hangar, dem Flugfeld zugewandt, sieht das schon besser aus. Egal zu welchem Wetter oder Sonnenstand, das Tower-Gebäude kann sich sehen lassen – auch wenn die Picknick-Tische ruhig belebter sein könnten. Na gut, schieben wir das mal auf Corona. Aber waren bei Orbx sonst nicht immer Menschen am Start? So wie in Zell am See? ObjectFlow hin oder her. Denn die zahlreichen Segelflieger, die am Containerfriedhof neben Graspiste 35 im Süden zu finden sind, wirken irgendwie verlassen ohne Club-Mitglieder, die in Sonnenhüten die geräuschlosen Teile zum Fliegen bereitmachen.

Für 12 Euro bekommt man einen netten, kleinen Platz mit großer Aura. Die Szenerie bindet sich nahtlos in die Umgebung ein, die Performance ist auf meinem Game Boy Colour von einem Rechner absolut im Standardbereich und man merkt zumindest an den Frames nicht, dass eine Zusatz-Szenerie installiert ist. Wenn Pilot Plus in einem Update der Szenerie vielleicht noch ein bisschen mehr Leben einhaucht, dem Produkt noch ein Handbuch verpasst, dann kann man eine klare Kaufempfehlung aussprechen. Die Nähe zu London (Achtung, Heathrow-Airspace!) machen den Platz sowieso für virtuelle Rundflüge attraktiv.

Ansonsten gilt: Der Wycombe Airpark von PilotPlus hält das, was die Bilder versprechen. Eine ansehnliche Umsetzung des realen Vorbilds, die an der einen oder anderen Stelle noch ein bisschen mehr Liebe verdient hätte. Der Charme des Originals wurde aber erfolgreich übertragen. Bestimmt haben die Entwickler hier nicht das Rad neu erfunden, aber den blumigen Werbesprüchen von Orbx kann man – mit gesunder Vorsicht – ruhig mal glauben.

EGTB Wycombe Airpark

Die Szenerie gibt es für 11,64 € über OrbxDirect.
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