
Ich mache es kurz und ehrlich: Bei britischen Verkehrsflugzeugen der Nachkriegszeit bin ich befangen. Poliertes Aluminium, Rolls-Royce-Triebwerke, Cockpits voller Kippschalter und Rundinstrumente – da wird aus dem Redakteur schnell ein Fan mit Notizblock. Die Comet ist für mich die Königin dieser Familie: elegant, kühn, tragisch und trotz allem ein Wendepunkt der Luftfahrt. Umso genauer schaue ich hin, was Classic Aircraft Simulations (CAS) mit ihr vorhat.
Vom Cub zum Vierstrahler
Hinter CAS steht Entwickler Chris. Das Studio debütierte im Juni 2024 mit einer viel gelobten Piper J-3 Cub für den MSFS 2020. Anfang 2025 folgte das kostenlose Update für den MSFS 2024. Im November 2024 kündigte CAS auf Discord die Comet 4 an, wenige Wochen später gab es erste Cockpitbilder. Zwischendurch erschien noch der Wyvern Mk.1 – ein kostenloser Drache. Ja, richtig gelesen. Aber soll es in Britannien ja auch gegeben haben. Oder so. Wie auch immer: Vom stoffbespannten Hochdecker zum vierstrahligen Jetliner: Einen größeren Sprung kann man in der Addon-Welt kaum machen.
Navigieren wie 1958
Am 21. Oktober hat Chris auf dem CAS-Discord einen ausführlichen Fortschrittsbericht veröffentlicht. Die Entwicklung laufe weiter auf Hochtouren, das erklärte Ziel sei Study Level. Die Feature-Liste liest sich wie ein Navigationslehrbuch aus der Zeit vor der Trägheitsnavigation:
- LORAN: ein APN-9-Empfänger samt eigens erstellter LORAN-Karten. Laut Chris die erste authentische LORAN-Umsetzung in einem Simulator überhaupt – ein Superlativ, den ich stehen lasse, bis jemand im Archiv das Gegenteil findet.
- Astronavigation: ein funktionierender Periskop-Sextant. Sterne schießen, Standlinien ziehen, Position plotten.
- Wetterradar: ein ASRAD E.160, nach Angaben des Entwicklers so genau wie möglich nachgebildet.
Kein GPS, keine INS, nur Himmel, Karte und Bleistift. Ich habe großen Respekt davor – und die leise Ahnung, dass mein erster Nachtflug über den Atlantik mit der Frage endet, ob das da unten Irland oder Island ist. Bitte keine Augsburg-Referenzen, liebe Podcast-Hörer.

Systeme bis zur letzten Sicherung
Auch abseits der Navigation ist die Liste lang. Die Elektrik ist laut CAS komplett selbst programmiert, mit geteilter DC-Sammelschiene und Wechselstromsystem. Jeder Stromkreis soll modelliert sein, jeder Sicherungsautomat und jede Sicherung im Cockpit funktionieren.
Hydraulik und Treibstoffsystem sind ebenfalls eigener Code, inklusive authentischer Fehlerbilder. Und die Rolls-Royce Avon verzeihen offenbar wenig: Angekündigt sind Triebwerksausfälle, Brände und Schäden durch grobe Behandlung. Wer den Schubhebel bedient wie einen Zapfhahn, bekommt die Rechnung.
Das Smiths Flight System und der Autopilot SEP-2D sollen voll simuliert sein. Das Flugmodell basiert laut Entwickler auf CFD-Berechnungen und Daten aus den Originalhandbüchern – derselbe Ansatz wie beim Cub. Dazu kommen physikbasierte Animationen.
Weil die echte Comet 4 mit Flugingenieur und Navigator flog, zeigen die neuen Bilder auch deren Arbeitsplätze. Wer nicht vier Personen gleichzeitig sein möchte, bekommt eine Crew-Checkliste mit optionaler Cockpit-Automatisierung. Was die genau übernimmt, verrät CAS noch nicht.
Der Erzrivale ist schon da
Pikant: Der große Gegenspieler der Comet fliegt im MSFS 2024 bereits. Working Title und iniBuilds haben die Boeing 707 im August als Famous Flyer von Grund auf neu gebaut, inklusive Trägheitsnavigationssystem Carousel IV-A.
Die Comet von CAS bleibt dagegen konsequent in der Zeit davor. Wer beide fliegt, bekommt einen anschaulichen Schnellkurs darin, wie rasant sich die Ozeanfliegerei in jenen Jahren verändert hat. Den Verkaufskampf hat damals die 707 gewonnen – im Simulator ist die Revanche zumindest offen.
Ein kurzer Blick zurück
Die neue CAS-Website erzählt die Geschichte der Comet ausführlich und, das sei lobend erwähnt, mit dem nötigen Ernst. Die Kurzfassung: Der Prototyp flog 1949, am 2. Mai 1952 nahm BOAC mit der Comet den weltweit ersten Linienverkehr mit einem Strahlverkehrsflugzeug auf.
1954 brachen zwei Comet 1 nach dem Start in Rom in der Luft auseinander, 56 Menschen starben. Die Untersuchung offenbarte Materialermüdung in der Druckkabine. Die Erkenntnisse prägten alle späteren Verkehrsflugzeuge – zu einem furchtbaren Preis.
1958 kehrte die überarbeitete Comet 4 zurück: größer, mit verstärkter Kabine und kräftigeren Avon-Triebwerken. Am 4. Oktober eröffnete BOAC den ersten planmäßigen Transatlantik-Jetverkehr, G-APDB flog in sechs Stunden und zwölf Minuten von New York nach London.
An Bord gab es Madeira-Gebäck, Cocktails und ein Fünf-Gänge-Menü mit Wein. Ich bin heute schon gerührt, wenn das Wasser nichts extra kostet. Kommerziell endete die Comet-Ära 1981, als Nimrod blieb die Konstruktion bis 2011 im Dienst der Royal Air Force.

Ich koch schon mal Early Grey
Einen Termin oder Preis gibt es nicht. Chris spricht von „fairly soon“ – in der Flugsimulation eine Zeitangabe mit etwa der Präzision einer Sternpeilung bei geschlossener Wolkendecke.
Study Level ist zudem ein großes Versprechen für ein Studio, dessen Katalog bislang aus einem Cub und einem Gratis-Drachen besteht. Die Vorschaubilder sehen allerdings hervorragend aus: poliertes Metall, BOAC-Bemalung, ein Cockpit mit echter Patina. Und der Cub hat gezeigt, dass CAS sorgfältig arbeitet.
Ich bleibe also vorsichtig optimistisch und, siehe oben, befangen. Liefert CAS, was angekündigt ist, bekommt der MSFS 2024 ein Verkehrsflugzeug, bei dem schon der Weg über den Ozean die Herausforderung ist. Bis dahin lerne ich Sternbilder. Und backe Madeira-Kuchen.


Mega! Das juckt schon ganz fürchterlich in den Fingern! Danach bitte noch die Caravelle und die Connie von A2A. Dann bin ich glücklich.