Ihr liebt Flugsimulation.
Wir berichten darüber.

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Es gibt in der Menschheitsgeschichte einige Momente, in denen Technik nicht einfach nur nützlich wird, sondern anfängt, einem mit der feuchtgeschwitzten Cringe-Hand über die Seele zu streichen. Die Erfindung des Rades. Und der damit verbundene Raserfetisch. Der Buchdruck und die Möglichkeit, diese Zeilen zu schreiben. Die automatische Waschmaschine und in der Trommel vergessene, feuchte Klamotten. 

Und jetzt in der Flugsimulation: die Webcam, die merkt, wenn der virtuelle Flugkapitän mal eben nicht mehr da ist, weil er in der Küche steht und mit einem Stück Goudaklumpen im Mund über sein Leben nachdenkt. 

Ich hole euch kurz ab:  

Pilot Presence Detection heißt der neueste Shizzle, der bei den KI-Bezwingern von SayIntentions an den Start geht – im Moment noch “Partners only”! 

Kurz: PPD.  

Ja, klingt zunächst wie eine neu entdeckte Tropenkrankheit im Kniekehlenbereich, ist aber in Wahrheit die nächste Eskalationsstufe der KI-sierung der Flugsimulation. SayIntentions schaut – wohlgemerkt lokal, sittsam, ohne Big-Brother-Attitüde und nur mit Windows-Bordmitteln und Webcam – ob der Mensch noch vor dem Rechner sitzt.  

What? 
Ja!  

Der Grund: Der KI-Copilot übernimmt dann den Funk, solange ihr AFK seid. Nicht das Flugzeug. Nicht die Ehe. Nicht die Verantwortung für den CO₂-Fußabdruck eines virtuellen A340. Nur den Funk. Noch. 

Leistenzereißendes Spagat

Und genau da beginnt ja das Elend im Status Quo der Flugsimulation. Das leistenzereißende Spagat zwischen Realismus und eigener Bequemlichkeit. 

Bisher war die Flugsimulation noch eine der letzten Freizeitbeschäftigungen der Obernerdstufe, an denen man sich Würde davonstehlen konnte, um nicht die letzten Momente sozialer Interaktion mit Postbote, Hund oder Frau zu opfern.  

Jeder von uns hat schon mal Emirate an virtuellen Sandsäcken installiert, um auf Reiseflughöhe zu gehen, den Autopiloten einzuschalten, sich kurz oder länger zu entfernen und darauf zu vertrauen, dass der Simulator in Ruhe sein Ding macht.  

Ist ja auch okay. Zwar ist man unfehlbarer (virtueller) Pilot, Herrscher über SID, STAR und Sitzfleisch im ergo-geformten Kaltschaumsessel. Aber die Boeing hat man dann doch oft mehr im Griff als die eigene Blase nach drei Halben bei Cross-the-Pond.  

Hart, wenn man in der Abwesenheit auf etwas reagieren muss.  

Bei SayIntentions sitzt dafür jetzt eure Kamera, als kleine schwarze Pupille der Neuzeit, oben am Monitor und fragt: „Na? Noch da? Oder wieder beim Kühlschrank, du kleine Sau?“  

Disclaimer: Sie tut das laut SayIntentions nicht indiskret! Keine Bilder verlassen den eigenen Rechner. Keine Videos werden übertragen. Niemand in irgendeinem Serverraum schaut dabei zu, wie wir in Arschlochhose mit Senfbart vor dem Homecockpit vegetieren! Es wird nur festgestellt: Gesicht da. Gesicht weg. Gesicht wieder da. Mehr nicht.  

Na dann!  

Und doch: Was für ein Satz! „Gesicht weg.“ Das ist nicht nur eine technische Zustandsbeschreibung, das hat was von Diagnose. Für jeden, der das Feature anschalten will. 

Aber hier stellt sich mir die Frage: Neues Symptom in bestehendem Krankheitsbild? Die Flugsimulation war ja schon immer ein Hort der Kontrollillusion. Wir berechnen Block Fuel auf die zweite Nachkommastelle, obwohl wir seit drei Stunden vergessen haben, die Waschmaschine auszuräumen.  

Wir reden den E-Jet wegen VNAV-Path-Abweichungen mit einer moralischen Schärfe schlecht, die im echten Leben nicht einmal beim Steuerbescheid erreicht wird.  

Wir rufen „unable due to performance“ in den VATSIM-Funk, während der eigene Stuhl seit 2018 unsere Bandscheibe aus der Wirbelsäule presst. Und nun kommt hier so ein PPD daher und sagt: Mein Lieber, bevor wir hier über RNP AR reden, klären wir erst einmal, ob du überhaupt im Raum bist. 

Ons und Offs

Hier verstehe ich, wie PPD aufkeimen konnte. Man hat ja bei sehr langen Flügen seine Ons und Offs. Und bei VATSIM hat man es mit ATC nicht leicht. Da sitzen an einem Wochenende oder Feierabend echte Controller, die gerade liebevoll einen Flow über halb Europa kämmen. Und du musst anwesend sein. Wenn du eine Stunde durch den Sektor fliegst. Und CPDLC angestellt hast. Aber trotzdem gilt: Anwesend sein. 

Und dann der Call „Lufthansa 4711 for Langen Radar?“  

Stille.  

Noch einmal. Stille.  

Ein drittes Mal. Nichts.  

Der Pilot? Dann doch nicht da! Weg. Einfach weg. Wahrscheinlich im Bad. Vielleicht am Paketboten. Oder auf der Frau. Vielleicht in einem existenziellen Konflikt mit einem Joghurtdeckel. Aber eben nicht da.  

Und was bei VATSIM passieren kann, ist bei SayIntentions vorprogrammiert. Denn hier sind die KI-gevoicten Controller immer am Start. IMMER. Also wer mal kurz auf die Keramik verschwinden muss, sollte an den virtuellen Co-Piloten abgeben. Was bei SayIntentions eigentlich mit einem Klick möglich ist. 

Jetzt soll das automatisch laufen. Per Kamera. 

Wie toll!!! Endlich eine Möglichkeit, noch einen Klick zu sparen. Endlich ein zweiter, virtueller KI-Mensch im Cockpit, der nicht fragt, warum der Descent wieder zu spät eingeleitet wurde oder warum du mit deinem Ryanair A380 die falsche Bahn anfliegst. Nein. Er macht es dir.  

Wer weniger als eine Minute weg war, bekommt ein kurzes Willkommen zurück. Das ist höflich. Fast britisch. „Welcome back.“ Als wäre man nur kurz in der Business Class gewesen, um zu prüfen, ob das Bordmagazin auch richtig gepaintet wurde.  

Wer länger weg war, bekommt eine Zusammenfassung. Und das ist der Moment, in dem PPD aus einer Funktion eine pädagogische Maßnahme macht. Man kehrt zurück, setzt sich hin, und der Co-Pilot referiert: „Während deiner Abwesenheit hat ATC uns nach links gedreht, wir wurden auf FL280 freigegeben, der Wind hat gedreht, außerdem hat der Tower gefragt, ob du vielleicht noch lebst.“ Das ist kein Feature.  

Das ist fast schon Beziehungsberatung mit Headset.  

Beschreibung eines Zeitgeistes

Trotzdem bleibt die Restkomik. Denn die Simulation, dieses wunderbare Hobby, in dem erwachsene Menschen mit vier Monitoren, six bis seven WinWing-Aufbauten und einem Schubhebel aus gebürstetem Aluminium so tun, als würden sie virtuelle Passagiere realistisch ans Ziel bringen, hat jetzt endlich Anwesenheitspflicht! Wir haben uns jahrelang Cockpit-Prozeduren, FMC-Logik, Engine-Out-Drills und Holdings beigebracht, nur um am Ende daran zu scheitern, dass der Computer fragt: „Bist du noch da?“ 

GEHT DICH DOCH NICHTS AN! 

Und gleichzeitig ist es großartig. 

Denn PPD ist kein Feature, das die Welt gebraucht und SayIntentions hat, sondern die Beschreibung eines Zeitgeistes: Wir wollen (lange) fliegen, so realistisch es geht – aber dann trotzdem zum Aldi fahren und noch nebenher den Rasen mähen. Statt uns wie in der realen Welt ins Cockpit zu klemmen.

Für Realismus in Abwesenheit. 

Ich freue mich schon auf tolle weitere Features von SayIntentions. Bald könnt ihr nebenher noch eure Steuererklärung rechnen. Oder die Nasenporen analysieren lassen. Oder die Waschmaschine ausräumen. Alles was ihr dafür braucht, ist ne Webcam.  

Seid ihr noch da? 

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18 Kommentare
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Thomas
Thomas
1 Monat zuvor

Herrlich. 😉 Julius hat heute frei oder hat sie am Wochenende geschrieben und heute rausgehauen. 3 Artikel an einem Tag. Sensationell. 2x X-Plane interessiert mich nicht wirklich. Sayintentions habe ich auch nicht, aber diese Glosse ist wieder sehr erfrischend. Danke Julius!

Christian
Christian
1 Monat zuvor

Bescheuert. BeyondATC hat einen kleinen Switch im Ingamepanel, wo ich genau das akivieren kann: Copilot übernimmt den Funk. Da brauchts weder KI noch Webcam zu, dieser eine Klick liegt grad noch drin, bevor ich mich vom Rechner wegbewegen muss 🤣🙈

Daniel
Daniel
1 Monat zuvor
Antwort auf  Christian

SI hat den genauso ^^ steht auch so im Artikel…

Christian
Christian
1 Monat zuvor
Antwort auf  Daniel

Das macht das KI Gedöns ja noch überflüssiger 🤣🙈

Raphael
Team
Raphael
1 Monat zuvor

Julius mich nervt das wenn du SI nutzt ich die Webcam nicht mehr nutzen kann zum zuschauen. Kannst du die Funktion bitte abschalten? Danke ❤️

Raphael
Raphael
1 Monat zuvor

Ferngesteuerte Webcams? Gar nicht gruselig…
Mal im Ernst, wenn für sowas Entwicklungsressourcen frei sind, muss man sich doch mal ernsthaft fragen, ob die noch alle Prioritäten beisammen haben. Wenn ich mir die A330Driver-Videos so anschaue, gibt’s da ja ganz andere Baustellen.

Markus F.
Markus F.
1 Monat zuvor

Chapeau, einfach wieder aufn Punkt. Den Widerspruch zwischen Anspruch an Technik und Material und dem eigenen „Committment“ finde ich wertvoll. Weil es auch einfach sehr wohlig menschlich ist. „Alles auf 11, ja klar!“ Aber gleichzeitig froh und dankbar, dass man ja jederzeit was anderes machen könnte.

ChrisS
ChrisS
1 Monat zuvor

SayIntentions sollte estmal die teils massiven Fehler des ATC beseitigen, bevor so ein Blödsinn entwickelt wird. Oft sinnbefreite Anweisungen bzw. Antworten durch den IFR-ATC, fehlende Decend-Aufforderungen, falsche, nicht durchführbare Step-Decends, oder man wird gleich vom ATC vergessen. VFR-Fliegen über SayIntentions in Deutschland hat mit der Realität rein garnichts zu tun, wie mir als PPL-Inhaber bestens bekannt ist. Man meldet zwar die Probleme dem Support, darauf jedoch weder Reaktion noch eine Verbesserung.
Jetzt auch noch wohl die MwSt. (VAT) auf den Nutzungsbeitrag (der Endpreis wird nicht genannt, sondern nur netto), wodurch der Spaß jetzt bei einem Flusifreund in der UK 20% teurer und damit ihm zu teuer wird (ob wir in der EU die VAT bezahlen müssen, stellt sich wohl erst bei der Verlängerung des Abos heraus). Schade, das Ding hätte Potential, irgendwie geht da aber nichts weiter mit der Beseitigung massiver Bugs, die einem den Spaß verleiden.

Daniel
Daniel
1 Monat zuvor
Antwort auf  ChrisS

Das ist genauso das selbe mit BATC die bekommen einfach das gescriptete nicht raus, da fliegt man seit beginn an Stur seine SIDs STARs ab etc.

Probleme haben sie halt alle noch.

Raphael
Raphael
1 Monat zuvor
Antwort auf  Daniel

Sind „sinnbefreite Anweisungen bzw. Antworten durch den IFR-ATC, fehlende Decend-Aufforderungen, falsche, nicht durchführbare Step-Decends, oder man wird gleich vom ATC vergessen“ und „fliegt man seit beginn an Stur seine SIDs STARs ab“ nicht zwei völlig verschiedene Dinge? Wie kann das dann „genau das selbe“ sein?
Mal abgesehen davon, dass ersteres klare Bugs sind und zweiteres eher „zu viel“ Zuverlässigkeit.

Christian
Christian
1 Monat zuvor
Antwort auf  Daniel

BATC kostet aber relativ schnell mal Kategorien weniger, da kein Abomodell. Würde ich SI Kosten zahlen, hätte ich auch höhere Ansprüche, die ja offensichtlich nicht erfüllt werden.

René Tavernier
René Tavernier
1 Monat zuvor
Antwort auf  ChrisS

Sehe ich genauso. Es gibt genügend andere Bugs und der Preis ist mir mittlerweile inclusive deutsche Mwst (VAT) auch zu teuer geworden. Hab im Februar meine PPL angefangen und diese Woche die BZF I Prüfung bestanden. Zum VFR Flugfunk üben mit Kontrollzonen (CTR) wie in EDFM war da noch viel Luft nach oben. Hatte mich anstatt mit IFR dann das erste mal mit VFR auf VATSIM beschäftigt und die Jungs haben das meistens top drauf. In Hannover gibt es sogar einen Englischen Muttersprachler der den GND Controller trotzdem auch auf Deutsch beherrschte, Respekt!

Markus
Markus
1 Monat zuvor
Antwort auf  ChrisS

Zuallererst:Großartige Glosse.
Aber es zeigt wie viele beschrieben haben, wo bei SI (das ich als reiner Airliner Pilot im Flusi eigentlich gut finde) die Probleme liegen. Ich habe es IFred (als er noch da war) immer wieder geschrieben. Die sind weiterhin eine Eigentümer-gesteuerte Bude die zu groß geworden ist. Wenn Brian einen roten Ball sieht, rennt er dem nach und lässt alles liegen, so werden dort Entscheidungen getroffen. Wie gesagt IFR ATC finde ich gut, die zahlreichen Features wie Ramp, Pocket sky etc. super, aber manchmal werden Features raus geworfen wo ich mir denk, das gibts ned, dafür habt ihr Zeit und dann bist um 18 Uhr in EDDF und der Traffic schaut aus wie am Sonderlandeplatz PVille im November.

Und zur MWST: die zahlen wir Europäer voll drauf, hab da im Discord mal gefragt, mir wurde erklärt darüber wird nicht diskutiert, ich als Alpenrepublik Einwohner Zahl dann 20 Prozent mehr, in DE sind es wenigstens nur 19 (welch ein Trost).

Nichtsdestotrotz will ich keinen Flug mehr ohne machen, würde mir aber eine weniger kindliche Development Priorisierung wünschen, denn das kann auch übel ausgehen, bei aller Kreativität, es wäre nicht die erste Firma die sich in Schönheit verrennt und das eigentliche Produkt verliert.

Grüße

Markus

Michael
Michael
1 Monat zuvor
Antwort auf  ChrisS

Da scheitert es am Willen, die „letzte Meile“ bei komplexen Problemen anzugehen. Oder vielleicht nicht nur am Willen, sondern am Können.

Schön, dass ‚KI ist teuer‘ immer noch als Verkaufsargument funktioniert. Wer mal kurz nachrechnet, kommt bei realistischer Nutzung auf irgendwas um einen Euro pro Kunde im Monat. 15 € sind dann keine Kosten, das ist eine erfreulich gesunde Bruttomarge. Kann man machen – nur die Geschichte drumherum sollte vielleicht überarbeitet werden.

Steven
Steven
1 Monat zuvor

„Der Pilot? Dann doch nicht da! Weg. Einfach weg. Wahrscheinlich im Bad. Vielleicht am Paketboten. Oder auf der Frau.“ Du, als einer der letzten „Kulturschaffenden“ der bei einem Anteil von 0,1 Prozent an weiblichen Zuhörerinnen immer noch das penetrante Gendern durchzieht, ist der zweite Satz doch überraschend FLINTA* ausgrenzend. ;P

Lowinger
Lowinger
1 Monat zuvor
Antwort auf  Steven

0,1 (und wer hat eigentlich die korrekte Zahl?) > 0 und er ist somit konsequent inklusiv.
Aber tut mir leid für Dich, dass dich das nicht schlafen lässt. 😉

Martin
Martin
1 Monat zuvor

Schön geschrieben Julius,

dein Schreibstil ist nicht ohne, besonders gefällt mir es immer wieder was Du so zwischen den Zeilen schreiben tust.
Ja, die Zeit ist kostbar, macht aber für mich keinen Sinn. Ich habe keine keine Webcam.

Daniel
Daniel
1 Monat zuvor

Fühl‘ ich!

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