
Es gab eine Zeit, da sah eine Downloadseite für Flugsimulator-Add-ons aus, als sei sie versehentlich ins Internet gefallen. Als hätte sie ein versierter Kellerflieger mit Dreamweaver zusammengeklebt. Hellgrauer Hintergrund. Tabellenlayout. Eine Navigation, die noch nach FTP roch. Schmacht!
Auf AVSIM klickte man sich durch Verzeichnisbäume, tippte in ein Suchfeld von der Größe einer Briefmarke und bekam dann tatsächlich das, was man gesucht hatte: eine Datei. Sofort. Ohne Countdown, ohne Cookie-Dialog in drei Instanzen, ohne dass jemand dabei versuchte, einem eine Browsererweiterung unterzujubeln.
Das war hässlich. Das war unbestreitbar hässlich. Disgusting! Aber es war ein Vertrag: Du bekommst die Datei, wir bekommen deinen Besuch, und niemand fasst dem anderen in die Tasche. Hier trifft man sich zum Freeware-Tausch. Mit einem ruhigen Handshake. Und zahlt in Foren und Kommentaren mit Dankbarkeit und Lob.
Heute ist alles besser. Könnte man meinen. Heute gibt es Flightsim.to. Und Flightsim.to ist, das muss man vorwegschicken, technisch grandios. Eine der besten Content-Plattformen, die diese Szene je hatte: schnell, durchsuchbar, versioniert, mit Changelogs, Creator-Profilen und einer Bildqualität, für die man 2004 einen Serverraum angezündet hätte. Rund zweieinhalb Millionen Besuche im Monat. So meine schlechte Web-Recherche. Elf Seitenaufrufe pro Sitzung. Über sechs Minuten Verweildauer. Das ist kein Hobbyprojekt mehr, das ist die Infrastruktur einer Dorfverwaltung.
Und Infrastruktur kostet. Sagt die Seite. Sagt sie oft.
Wartezimmer
Der Ablauf ist inzwischen Ritual. Ich hasse es. Man findet die Livery, will sie. Atarium hat mal wieder geile Screenshots geliefert. Klar will man jetzt in der 32. Variante der 737 nach Malle ballern. Man klickt auf „Download“. Man landet nicht bei der Datei, sondern auf einer Zwischenseite mit einem Zähler, der herunterläuft, während sich um ihn herum Werbeflächen aufbauen wie Schaulustige um einen Unfall. Man wartet. Man wartet ein bisschen länger, weil das Banner unten rechts noch nachlädt. „KAUF JETZT DIESEN TEPPICHREINIGER DU OPFER.“ Und irgendwann, wenn man brav genug gewartet hat, darf man haben, was man wollte. Wenn man nicht noch acht bis drölf Kacheln mit Zebrastreifen identifizieren muss.
Diese Wartezeit ist keine technische Notwendigkeit. Sie ist ein Produkt. Sie existiert, weil ein wartender Mensch ein Mensch ist, der auf einen Bildschirm schaut, und ein Mensch, der auf einen Bildschirm schaut, ist Inventar. Man hat die Verzögerung nicht trotz der Werbung eingebaut, sondern für sie. Würden wir die Wartezeit jetzt so addieren, wie Ryanair gesparten Sprit addiert, sitzen auf diesem Planeten Menschen wahrscheinlich mehrere Jahre vor dem Bildschirm, und warten auf ihren Download-Start.
Aber okay. Geschenkt, könnte man sagen. Server kosten Geld, Traffic kostet Geld, wir alle wollen, dass es die Seite in fünf Jahren noch gibt. So argumentiert die Plattform ja auch selbst, und so argumentierte im August im offiziellen MSFS-Forum auch ein Branchenvertreter, dem man Marktkenntnis schwer absprechen kann: Werbung sei fast in jeder Hinsicht die nutzerfreundlichste Finanzierungsform, weil man dabei niemanden zur Kasse bitten müsse.
Nur bittet einen ja doch jemand zur Kasse. Man zahlt bloß nicht in Euro.
Ausgeliefert
Denn es ist beides. Es ist die Menge, und es ist das, was da kommt.
Die Menge zuerst: Irgendwann in den letzten Jahren hat jemand entschieden, dass eine Fläche, die man ansehen kann, eine verschenkte Fläche ist, solange sie sich nicht bewegt und nicht spricht. Also starten Videos. Ungefragt, von selbst, gerne mehrere. Man scrollt zur Beschreibung einer Repaint-Datei und hat plötzlich Ton im Wohnzimmer. Und was da spricht, ist der eigentliche Witz an der Sache: Mal ist es die Kreuzfahrt. Dann eine Versicherung. Dann eine Prostatapille. Note to me: Ich sollte sofort meine Cookies löschen, angesichts dieser dreisten Ausspielungen.
Man muss sich das kurz vergegenwärtigen. Da sitzt eine der präzisesten Zielgruppen, die das Internet zu bieten hat — Menschen, die vierstellige Summen in Hardware versenken, die drei Add-on-Airports pro Quartal kaufen, die freiwillig ein Handbuch lesen — und der Werbemarkt kommt an und bietet ihnen dem Besten aus dem Kürbis an. Das ist keine Zielgruppenansprache. Das ist ein Streuwurf mit verbundenen Augen, ausgeliefert an Leute, die man mit zwei Klicks exakt hätte treffen können. Das ist eine Autoauspielung, die so nicht sein müsste.
Im selben Forumsthread in MSFS-Forum schilderte der Threadstarter übrigens, dass ihn Anzeigen auf Seiten weiterleiteten, auf denen er nichts zu suchen hatte, und eine davon ihn zur Installation einer Browsererweiterung bewegen wollte. Ein anderer Nutzer berichtete, er habe auf der Plattform bereits sexuell explizite Anzeigen dokumentiert — auf einem Portal, das sich an alle Altersgruppen richtet. Naja, ich sag ma: Cookies, ne? Die Antwort der Community bestand daraufhin, mit bemerkenswerter Einmütigkeit, aus Produktempfehlungen: uBlock Origin. Brave. Ghostery. AdGuard. Kötter Security. Sven Marquardt.
Das ist der eigentliche Skandal, und er ist ein leiser. Eine Hobbyszene, die ihre wichtigste Anlaufstelle liebt, hat sich darauf geeinigt, dass man diese Anlaufstelle nur noch mit Schutzausrüstung betreten sollte. Man geht dorthin wie in einen Baumarkt: Helm auf, Augen zu, durch.
Dabei sind Menge und Inhalt kein Zufall, sondern dieselbe Ursache. Autoplay-Videos, Redirects, Plugin-Prompts, Prostatapillen: Das ist die Signatur schlecht gefilterter Restplatz-Nachfrage — jenes Bodensatzes des Programmatic-Marktes, bei dem pro Einblendung so wenig hängenbleibt, dass man die Fläche verdreifachen muss, um auf dieselbe Summe zu kommen. Die Masse ist nicht Gier. Die Masse ist Kompensation. Wer solche Creatives sieht, sieht keine Vermarktungsstrategie. Er sieht das Fehlen einer.
Und das, wobei nebenbei noch Premiumdienste und ein Webshop für Payware-Produkte angeboten werden.
Die Rechnung, die niemand aufmacht
Rechnen wir kurz, mit aller gebotenen Unschärfe und allen Angaben ohne Gewähr, mit bestmöglicher Schlampigkeit: Bei rund 27 Millionen Seitenaufrufen im Monat, einem überwiegenden Tier-1-Publikum aus USA, Deutschland, UK, Japan und Frankreich und einer realistischen Adblock-Quote landet man je nach Annahme irgendwo zwischen 400.000 und 700.000 Euro Bruttoumsatz im Jahr. Das ist geschätzt, das ist mit Fehlerbalken, und es ist trotzdem eine Hausnummer.
Dagegen steht der Posten, mit dem die Seite ihre Werbung seit Jahren begründet: der Traffic. Jedes ausgelieferte Gigabyte koste Geld, heißt es. Das stimmt. Es kostet, bei den heute üblichen CDN-Konditionen, ungefähr so viel wie ein halber Cent. Selbst großzügig gerechnet ist Bandbreite der billigste Posten im Stack — grob ein Zehntel bis ein Viertel des geschätzten Umsatzes. Teuer sind Menschen, Entwicklung, Moderation, Support. Auch wenn sie alle in irgendeinen Briefkasten zu passen scheinen. Was völlig legitim ist. Nur rechtfertigt man eben gerade den aggressivsten Teil des Produkts mit dem günstigsten Teil der Kostenrechnung.
Das Bittere daran: Es müsste nicht so sein. Diese Zielgruppe ist eine der sauberst adressierbaren im gesamten Gaming-Segment. Achtzig Prozent (dieser Zahl kann und will ich übrigens nicht glauben, es muss mehr sein) männlich. Kaufkraft, PC-Hardware, und ein Werbemarkt, der praktisch vor der Tür steht und winkt — iniBuilds, PMDG, Aerosoft, Orbx, Navigraph, simMarket, Honeycomb, Thrustmaster. Endemischer Direktverkauf bringt ein Vielfaches dessen ein, was der offene Markt für Restplätze zahlt. Man bräuchte einen Bruchteil der Flächen für denselben Ertrag. Man müsste sie nur verkaufen wollen. Well. Aber Mediaberater kosten (noch) Geld. Und: Diese ganzen Player und Labels bekommen ihre Werbung ja in unserer Szene fast für Umme. Yep, hab mir an die Nase gefasst!
Kostenlos ist kostenlos
Man kann das alles hinnehmen. Man kann sagen: kostenlos ist kostenlos, es gibt Schlimmeres, installier halt einen Blocker. Und wer Premium kauft, wird die Anzeigen ohnehin los — als Einmalkauf immerhin, ohne Abo-Falle, das sei fair erwähnt.
Aber irgendwo zwischen dem grauen AVSIM-Tabellenlayout von 2006 und dem Countdown-Timer von 2026 ist etwas verloren gegangen, das keine Serverrechnung erklärt: die Selbstverständlichkeit, dass eine Seite, die einem etwas geben will, einem nicht gleichzeitig etwas antun muss. Und ich finds schade. Weil ich auch nicht weiß, was kommt eigentlich von der ganzen Kohle bei den Creatorn an, auf deren Livery ich gerade warte.
Naja. Früher fand man seine Dateien auf einer hässlichen Uralt-Webpage. Heute findet man sie auch. Man bezahlt nur vorher. Heute heißt es: Freeware kostet. Und zwar Nerven.

Also flightsim.to ist inhaltlich sicher absolut top, aber technisch und von der usability eine Vollkatastrophe mit modernem Web hat das nix zu tun.
Volle Zustimmung.
Julius, wie man ihn kennt: Inhaltlich fundiert, sprachlich versiert, garniert mit einer Portion feinem Witz. Und das alles wohlgemerkt ohne Werbung. Vielleicht gibt es 2026 doch noch etwas umsonst, das keine Nerven kostet, ganz im Gegenteil. Danke dafür!
o7 an Avsim und FlightSim.com
Die beiden Seiten haben mich Jahrzehnte begleitet und mein Hobby geprägt. Ein kleinen Hauch aus dieser Zeit findet man heutzutage eigentlich nur noch im x-plane.org Verheichnis.
Die moderne flightsim.to Seite ist trotz Werbung dennoch ein Gewinn meiner Meinung nach. Dass Werbung immer aggressiver wird ist allerdings tatsächlich ein Thema und verwandelt mein Monitor regelmäßig in eine blinkende Smartphoneoberfläche. Nervt, wird durch das Erledigen anderer Dinge gekonnt umschifft und sorgt mittlerweile eher für ein leichtes Achselzucken.
flightsim.to ist in allen Belangen Top!
PS:
Hab Premium Account seit der ersten Stunde und bereue es keinesfalls.
Finde ich auch – absolut top die Seite!
Von mir aus können sie zukünftig gerne mehr Geld für einen Premium Account nehmen und/oder sie können von mir aus gerne mehr Werbung schalten. Nix dagegen, das kommt alles unserem Hobby zugute. Danke an dieser Stelle an die Macher von Flightsim.to. Bitte so weitermachen!
Ist denn flightsim.to wirklich ein Ein-Mann-Hobbyprojekt? Das will jetzt sicher keiner hören weil es nicht in die Stoßrichtung passt, aber für ein kleines Gewerbe sieht die Rechnung ganz schnell anders aus. Infrastrukturkosten im mittleren fünfstelligen Bereich und eine kleine Hand voll Mitarbeiter, und dann sind die Werbeeinnahmen auch schnell wieder weg.
Habt ihr es mal mit brave als Browser versucht?
Genau! Mit dem Brave Browser wird Werbung bei fast allen Websites blockiert und das beste daran ist: der Browser ist kostenlos. Einige Seiten wie Bild.de erkennen zwar den integrierten AdBlocker, aber das liegt im akzeptablen Rahmen. Bei Artikeln aus der Frankfurter Rundschau (fr.de) wird das Lesen vor lauter Werbung zum echten Albtraum. Ständige Popups, Tracker, endlose Werbung usw. Brave fängt auf dieser Seite all das ab.
Ich nutze ihn am PC und auf dem Smartphone. YouTube-Videos brauchen ein paar Sekunden, bis sie geladen werden, aber dafür sind sie dann ohne Werbung, selbst zwischendurch. Bei Flightsim.to wird Werbung ebenfalls vollständig ausgeblendet. Probiert ihn aus, es lohnt sich.
Ich weiß gar nicht von welcher Werbung die Rede ist!?
Habe auf der Seite keine Werbeeinblendungen oder gar Werbevideos.
Persönlich würde ich lieber das alte avsim, als neu flightsim.to bevorzugen. Aber ich kann mich nicht beklagen, das x-plane.org forum steht weiterhin solide mit kleinen modernisierungen und eenig bis fast keiner Werbung.
Es ist ja nicht nur flightsim.to. Generell sollte man ohne Schutzausrüstung nicht mehr ins Internet. Brave ist da absolut nur das Minimum, die polarisierte Sonnenbrille sozusagen 😎
Wie einfach ist es dann Werbung zu Moderieren?
Man schaue sich mal aerotelegraph an, dort ist das noch viel schrecklicher.
Auf Flightsim stört es mich überhaupt nicht – man geht die Mods durch, drückt auf das Mausrad und öffnet alle zum Download im Hintergrund. Danach geht man diese schnell durch, ist man beim letzten ist der erste Countdowns schon abgelaufen. Dann nochmal von vorn und die Downloads starten.
Den Autostart von Videos kann oftmals durch die Browsereinstellung verhindert werden.
Mich stört da viel mehr das man Addons/Flugzeuge die sich nach dem Kauf als schrott ausweisen nicht überall einfach zurückgegeben werden können.